Abmahnung wegen LUCID: was der Brief bedeutet und was jetzt zu tun ist

19. August 2026 · von Jennifer Rogalski-Koschel, Bevollmächtigte · 7 Minuten

Ein Anwaltsschreiben, eine vorformulierte Erklärung zum Unterschreiben, eine Frist von einer Woche. Das ist kein Bußgeld und kommt nicht von einer Behörde, sondern meist von einem Wettbewerber. Und das eigentliche Risiko steckt nicht in der Kostenrechnung, sondern in der Erklärung, die du unterschreiben sollst.

Kurz gefasst

  • Eine Abmahnung ist ein privates Schreiben — von einem Mitbewerber über dessen Anwaltskanzlei oder von einem klagebefugten Verband. Nicht vom Staat, nicht vom Gericht.
  • Die beigefügte Unterlassungserklärung ist der gefährliche Teil. So unterschrieben, wie sie vorliegt, bindet sie dich unter Umständen jahrzehntelang samt Vertragsstrafe.
  • Die Frist ist kurz, oft sieben bis zehn Tage. Nichts zu tun führt in der Regel zur einstweiligen Verfügung — und die kostet deutlich mehr.
  • Zwei getrennte Baustellen: auf den Brief antworten ist Anwaltsarbeit. Die Ursache beheben ist normale Pflichterfüllung und vergleichsweise günstig.

Warum dich überhaupt ein Mitbewerber anschreiben darf

Das deutsche Recht überlässt die Durchsetzung bestimmter Regeln nicht allein den Behörden. Vorschriften, die das Verhalten am Markt regeln, dürfen Unternehmen untereinander durchsetzen — und die Verpackungspflichten werden dazu gezählt: die Registrierung im Verpackungsregister, die Systembeteiligung und seit dem 12. August 2026 die bevollmächtigte Person für alle ohne Niederlassung in Deutschland.

Der Gedanke dahinter: Wer die Lizenzentgelte zahlt, steht schlechter da als wer sie nicht zahlt. Also darf der Zahlende gegen den Nichtzahlenden vorgehen. In deinem Postfach liegt deshalb kein Umweltvorwurf, sondern ein Wettbewerbsvorwurf.

Der Absender sagt dir, um welche Art von Problem es geht. Eine Kanzlei für einen namentlich genannten Mitbewerber oder ein klagebefugter Verband — das ist eine Abmahnung. Die Zentrale Stelle Verpackungsregister oder eine Behörde — das ist etwas anderes, mit anderen Fristen und anderer Reaktion. Schau auf den Briefkopf, bevor du irgendetwas tust.

Was in dem Umschlag steckt

Vier Bestandteile, und sie sind unterschiedlich wichtig:

  1. Der Vorwurf Was dir vorgeworfen wird — meist Verkauf nach Deutschland ohne Registrierung, ohne Systembeteiligung oder ohne bevollmächtigte Person. Oft mit Screenshots deiner Angebote als Anlage.
  2. Eine vorformulierte Unterlassungserklärung Strafbewehrt: Du versprichst, es zu unterlassen, und sagst für den Wiederholungsfall eine Vertragsstrafe zu. Das ist der entscheidende Teil.
  3. Eine Kostenforderung Berechnet aus dem Gegenstandswert. Üblicherweise im dreistelligen bis niedrigen vierstelligen Bereich, mit erheblicher Spannbreite.
  4. Eine Frist Meist sieben bis zehn Tage, manchmal kürzer. Kurze Fristen sind hier normal und für sich genommen kein Hinweis auf einen unseriösen Absender.

Die Rechnung ist das kleine Problem, die Erklärung das große. Eine Unterlassungserklärung ist ein Vertrag, den du freiwillig eingehst, und sie endet nicht, wenn die Sache erledigt ist. Formuliert hat sie die Gegenseite — so weit wie möglich. Jeder spätere Verstoß dagegen kann eine Vertragsstrafe auslösen. Viele unterschreiben, damit der Brief weggeht, und merken erst Jahre später, dass genau das der teure Teil war.

Vier Dinge, die du nicht tun solltest

Die beigefügte Erklärung nicht unverändert unterschreiben. Der übliche Weg ist weder Ablehnung noch Unterschrift, sondern eine modifizierte Unterlassungserklärung: enger gefasst, ohne die Passagen, die über das hinausgehen, was rechtlich verlangt ist. Das zu formulieren ist Anwaltsarbeit und für Kanzleien im Wettbewerbsrecht Routine.

Den Brief nicht ignorieren. Verstreicht die Frist, folgt üblicherweise der Antrag auf einstweilige Verfügung — die ein Gericht erlassen kann, ohne dich vorher anzuhören. Ab da vervielfachen sich die Kosten, und aus einem Brief ist ein Gerichtsverfahren geworden.

Nicht einfach zahlen, damit Ruhe ist. Die Kostenforderung zu begleichen erledigt die Rechnung und lässt die Frage der Erklärung unverändert stehen. Die Forderung selbst ist außerdem nicht immer in voller Höhe berechtigt — genau das kann eine Kanzlei beurteilen und du nicht.

Nicht in eigenen Worten zurückschreiben und dich erklären. Alles, was du zu Mengen, Zeiträumen und Verkäufen schreibst, kann später verwendet werden. Der Impuls, ehrlich und kooperativ zu sein, ist ein guter — in dieser Situation ist er teuer.

Was zu tun ist, in dieser Reihenfolge

  1. Die Frist heute notieren Fristverlängerungen werden häufig gewährt, aber nur, wenn jemand rechtzeitig fragt. Ein Anruf der Kanzlei an Tag drei ist etwas völlig anderes als eine Entschuldigung an Tag zwölf.
  2. Prüfen, ob der Absender echt ist Gefälschte Abmahnungen zielen genau auf diesen Moment der Panik. Such die Kanzlei unabhängig heraus, statt die Kontaktdaten aus dem Brief zu nutzen. Misstrauisch werden solltest du bei Zahlungsanweisungen auf ein Privatkonto statt auf ein Anderkonto, bei reiner E-Mail-Korrespondenz und bei der Aufforderung, vor jeder Unterschrift zu zahlen.
  3. Eine Kanzlei für Wettbewerbsrecht beauftragen Das kann weder deine Steuerberatung noch ich. Schick das vollständige Schreiben mit allen Anlagen und die Frist gleich in den Betreff.
  4. Parallel die Ursache beheben Das lässt den Brief nicht verschwinden, verhindert aber, dass es schlimmer wird — und sobald eine Erklärung unterschrieben ist, ist ein weiterer Verstoß kein Regelverstoß mehr, sondern eine fällige Vertragsstrafe. Wie die Registrierung Schritt für Schritt läuft.

Was beide Seiten kosten

Es lohnt sich, die Zahlen nebeneinanderzulegen, weil sie nicht in derselben Größenordnung liegen.

Die Ursache Die Pflichten Registereintrag kostenlos. Systembeteiligung ab einer Mindestgebühr von rund 30 € im Jahr. Bevollmächtigte ab 55 € im Jahr.
Der lange Schatten Die Vertragsstrafe Was in der unterschriebenen Erklärung steht, für jeden späteren Verstoß, solange sie gilt. Deshalb ist der Wortlaut wichtiger als die Rechnung.

Das ist die unangenehme Rechnung dieses ganzen Themas: Die Pflicht selbst ist günstig. Dabei erwischt zu werden, sie nicht erfüllt zu haben, ist es nicht.

Drei Briefe, die ständig verwechselt werden

Die Sperrmeldung einer Plattform. Von Etsy, Amazon oder eBay, ohne Kanzlei, ohne beigefügte Erklärung. Die Plattform erfüllt ihre eigene Prüfpflicht. Erledigt sich mit einer gültigen Registrierungsnummer und begründet keinen Anspruch gegen dich. Was zu tun ist, wenn die Plattform nach der LUCID-Nummer fragt.

Ein Behördenschreiben. Vom Verpackungsregister oder einer Behörde, möglicherweise als Einleitung eines Bußgeldverfahrens. Öffentliches Recht, andere Fristen, andere Reaktion — und keine Unterlassungserklärung zum Unterschreiben.

Die Abmahnung. Kanzlei oder Verband, Erklärung beigefügt, Kostenforderung, kurze Frist. Darum geht es hier.

Wenn dir das passiert ist, weil es dir niemand gesagt hat

Das ist der Normalfall, und man sollte es deutlich sagen: Die meisten, die so ein Schreiben bekommen, haben nichts umgangen. Sie haben aus Wien oder Zürich Handgemachtes verschickt und nicht gewusst, dass mit dem Paket eine deutsche Entsorgungspflicht mitreist. Die Regeln sind von außen schwer zu durchschauen, und die Durchsetzung ist scharf.

An dem, was jetzt zu tun ist, ändert das nichts. Aber es heißt, dass die eigentliche Nachbesserung kleiner ist, als der Ton des Briefes vermuten lässt. Was für Österreich und die Schweiz gilt.

Wobei ich helfen kann und wobei nicht

Ich bin Bevollmächtigte, keine Rechtsanwältin. Ich kann den Brief nicht beantworten, nicht über die Erklärung verhandeln und dich nicht zur Kostenforderung beraten. Wer in meiner Position etwas anderes anbietet, tut etwas, das er nicht tun sollte.

Was ich tun kann, ist die Lücke darunter schnell schließen: den Vertrag mit einem dualen System im eigenen Namen halten, die Mengenmeldungen übernehmen und die bevollmächtigte Person sein, die deine Registrierung braucht. Wenn du mir deine Paketmengen schickst, sage ich dir meist am selben Tag, was die Pflichtseite kostet — dann ist wenigstens eine Hälfte eine bekannte Zahl, während die andere geklärt wird.

Quellen, damit du nachsehen kannst statt mir zu glauben

  • Verpackungspflichten: Verpackungsgesetz (VerpackG), Registrierungs- und Systembeteiligungspflicht; Register der Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister, verpackungsregister.org.
  • Bevollmächtigte: Verordnung (EU) 2025/40 (PPWR), Artikel 45, anwendbar seit dem 12. August 2026.
  • Private Durchsetzung: Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) — Grundlage dafür, dass Mitbewerber und klagebefugte Verbände wegen Verstößen gegen Marktverhaltensregeln vorgehen können, samt der Anforderungen an Abmahnungen und Kostenerstattung.

Die Pflichtseite schnell geschlossen?

Schick mir deine Paketmengen nach Deutschland, dann sage ich dir, was es kostet und wie schnell es steht.

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Allgemeine Informationen, keine Rechtsberatung — und ausdrücklich keine Beratung dazu, wie auf eine Abmahnung zu reagieren ist. Das gehört in die Hände einer Kanzlei, die deine konkreten Unterlagen kennt. Stand: 19. August 2026.